Chouara-Gerbereien in Fès: Geschichte und Lederhandwerk
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Chouara-Gerbereien in Fès: Geschichte und Lederhandwerk

Entdecken Sie die Chouara-Gerbereien im Herzen der Medina von Fès, wo Handwerker traditionelle Techniken der Vorbereitung, Gerbung und Färbung von Leder bis heute bewahren.

Das MoroccoMuseum-Team18. August 202611 Min. Lesezeit
Inhalt

Chouara-Gerbereien in Fès: Geschichte, Leder und jahrhundertealtes Handwerk

Im Herzen von Fès el-Bali, zwischen den engen Gassen der Medina, den Souks und den Werkstätten der Handwerker, befindet sich eines der bekanntesten Bilder Marokkos: die Chouara-Gerbereien.

Von den Terrassen rund um das Gelände blickt man auf ein eindrucksvolles System aus steinernen Becken, die für verschiedene Schritte der Vorbereitung, Gerbung und Färbung der Tierhäute verwendet werden.

Doch Chouara ist weit mehr als ein berühmtes Fotomotiv von Fès.

Die Gerbereien gehören zu einer sehr alten Tradition der Lederverarbeitung, die über Jahrhunderte eine wichtige Rolle in der Wirtschaft der Stadt spielte. Historische Quellen belegen die Bedeutung der Gerber im mittelalterlichen Fès, auch wenn das genaue Gründungsdatum der Chouara-Gerbereien nicht eindeutig geklärt ist.

Ein Besuch in Chouara ermöglicht daher die Entdeckung einer besonderen Form des Kulturerbes: kein in der Vergangenheit erstarrtes Monument, sondern ein bis heute aktiver Ort handwerklicher Produktion.

Die Chouara-Gerbereien im Herzen von Fès el-Bali

Die Chouara-Gerbereien befinden sich in Fès el-Bali, dem ältesten Teil der Medina von Fès.

Die Medina gehört seit 1981 zum UNESCO-Weltkulturerbe und gilt als eines der bedeutendsten historischen Stadtgebiete der arabisch-islamischen Welt.

Fès entwickelte sich seit der Zeit der Idrisiden und wuchs unter den großen Dynastien weiter, die Marokko nacheinander regierten.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Stadt zu einem bedeutenden religiösen, intellektuellen, wirtschaftlichen und handwerklichen Zentrum.

Diese historische Struktur ist bis heute erkennbar.

Souks, Moscheen, Medersen, Funduqs und Werkstätten bilden ein dichtes Netz aus Gassen, in denen traditionelle Handwerksberufe weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Warum wurden Gerbereien in der Nähe von Wasser angelegt?

Die Verarbeitung von Tierhäuten benötigt große Mengen Wasser.

Historische Gerbereien wurden deshalb häufig in der Nähe von Flüssen, Wasserläufen oder anderen Wasserquellen eingerichtet.

Chouara befindet sich in der Nähe des Oued Fès im östlichen Teil der Medina.

Diese Lage hatte nicht nur praktische Gründe.

Sie zeigt auch, wie eng die städtische Struktur von Fès el-Bali mit den wirtschaftlichen Aktivitäten verbunden war, die das Leben in der Stadt bestimmten.

Was ist die Geschichte der Chouara-Gerbereien?

Häufig ist zu lesen, dass die Chouara-Gerbereien unmittelbar auf die Gründung von Fès im 9. Jahrhundert zurückgehen oder im 11. Jahrhundert entstanden seien.

Historisch ist hier jedoch Vorsicht geboten.

Die lokale Überlieferung verbindet die alten Gerbereien von Fès mit den frühen Entwicklungsphasen der Stadt. Das genaue Gründungsdatum von Chouara lässt sich anhand der verfügbaren historischen Quellen jedoch nicht mit Sicherheit bestimmen.

Deutlich besser dokumentiert ist die lange Geschichte der Lederverarbeitung in Fès.

Ein bedeutendes Gewerbe im mittelalterlichen Fès

Die Gerberei spielte bereits in der mittelalterlichen Wirtschaft der Stadt eine wichtige Rolle.

Historische Quellen zeigen, dass Lederwaren aus Fès einen Ruf erlangten, der weit über die Region hinausreichte.

Während der Almohadenzeit zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert erwähnen historische Quellen zahlreiche Gerbereibetriebe in der Stadt.

Unter den Meriniden, als Fès eine der bedeutendsten Phasen seiner Geschichte erlebte, blieb die Lederverarbeitung eng mit dem Handel und Handwerk der Medina verbunden.

Chouara gehört somit zu einer jahrhundertealten Tradition der Lederverarbeitung, auch wenn diese allgemeine historische Kontinuität nicht mit einem präzisen Gründungsdatum der heutigen Gerbereien gleichgesetzt werden sollte.

Wie funktioniert eine traditionelle Gerberei?

Von den Terrassen aus betrachtet erinnern die Chouara-Gerbereien manchmal an eine riesige Farbpalette.

Doch jede Gruppe von Becken erfüllt eine bestimmte Funktion.

Die Verarbeitung einer Tierhaut zu nutzbarem Leder erfordert mehrere aufeinanderfolgende Arbeitsschritte.

1. Vorbereitung der Tierhäute

Die Häute stammen unter anderem von Schafen, Ziegen und Rindern und müssen zunächst gereinigt und vorbereitet werden.

Dazu werden sie mit verschiedenen Lösungen behandelt, die unerwünschte Bestandteile entfernen und die Fasern auf die Gerbung vorbereiten.

Die hellen oder weißlichen Becken, die man in Chouara sehen kann, stehen mit einigen dieser ersten Arbeitsschritte in Verbindung.

Kalk gehört zu den traditionell bei der Vorbereitung der Häute eingesetzten Substanzen.

2. Weichmachen der Häute

Ein weiterer Arbeitsschritt besteht darin, die Häute zu bearbeiten und weicher zu machen.

Chouara ist insbesondere für die traditionelle Verwendung von Mischungen mit Taubenkot bekannt, dessen Wirkung mit ammoniakhaltigen Verbindungen zusammenhängt.

Dieser Prozess trägt dazu bei, die Häute geschmeidiger zu machen und ihre Fasern auf die weiteren Verarbeitungsschritte vorzubereiten.

Die Arbeit ist körperlich anspruchsvoll.

Die Handwerker bearbeiten die Häute direkt und bewegen sie während des Produktionsprozesses zwischen verschiedenen Becken.

3. Das Gerben

Das Gerben ist der entscheidende Prozess, durch den Tierhaut zu widerstandsfähigem und haltbarem Leder wird.

Traditionelle Verfahren nutzen unter anderem pflanzliche Gerbstoffe.

Diese Substanzen helfen dabei, die Fasern zu stabilisieren und die Zersetzung der Haut zu verhindern.

Der Prozess benötigt Zeit und Fachwissen, das über Generationen von Handwerkern weitergegeben wurde.

4. Das Färben des Leders

Nach der Vorbereitung und Gerbung kann das Leder gefärbt werden.

Dieser Arbeitsschritt sorgt für das spektakuläre Erscheinungsbild der Chouara-Gerbereien, wenn man sie von den umliegenden Terrassen betrachtet.

Die Farben der Becken verändern sich abhängig von den jeweils laufenden Arbeiten.

Historisch wurden verschiedene pflanzliche Materialien verwendet, um unterschiedliche Farbtöne zu erzeugen.

Es wäre jedoch irreführend anzunehmen, dass heute sämtliche in Chouara sichtbaren Farben ausschließlich aus natürlichen Pigmenten stammen.

Wie viele traditionelle Handwerke hat sich auch die Gerberei im Laufe der Zeit weiterentwickelt und kann historische Verfahren mit moderneren Produkten und Methoden verbinden.

Von der Tierhaut zu den Babouches von Fès

Die Arbeit der Gerber ist nur ein Teil einer wesentlich größeren handwerklichen Produktionskette.

Nachdem die Häute gegerbt, gefärbt und getrocknet wurden, verlassen sie die Gerberei und gelangen in andere Werkstätten.

Die Lederhandwerker von Fès

Das Leder kann anschließend zugeschnitten, vernäht, dekoriert und zusammengesetzt werden.

Daraus entstehen beispielsweise:

  • Babouches
  • Taschen
  • Gürtel
  • Geldbörsen
  • Poufs
  • Accessoires
  • Dekorationsgegenstände

Diese Spezialisierung verschiedener Berufe ist charakteristisch für die traditionelle Organisation marokkanischer Medinas.

Ein einzelner Handwerker stellt nicht unbedingt das gesamte Produkt her.

Zwischen der unbehandelten Tierhaut und dem fertigen Produkt im Souk können mehrere unterschiedliche Handwerksberufe beteiligt sein.

Chouara und die traditionellen Handwerke von Fès

Die Chouara-Gerbereien werden noch interessanter, wenn man sie als Teil des gesamten handwerklichen Erbes von Fès betrachtet.

Historisch funktionierte die Medina wie ein großes wirtschaftliches Netzwerk.

Handwerker waren häufig entsprechend ihrer Berufe in verschiedenen Vierteln und Souks organisiert.

Gerber bereiteten die Tierhäute vor.

Andere Handwerker verarbeiteten anschließend das Leder.

Schreiner und Holzschnitzer arbeiteten mit Holz.

Metallhandwerker fertigten unterschiedliche Gegenstände.

Weber stellten Textilien her.

Zellige-Handwerker schufen die geometrischen Kompositionen, die Paläste, Moscheen und Medersen schmücken.

Diese Vielfalt erklärt, warum Fès bis heute zu den bedeutendsten Zentren des traditionellen marokkanischen Handwerks gehört.

Nejjarine: ein weiteres historisches Handwerk von Fès entdecken

Wer die traditionellen Handwerke der Stadt weiter kennenlernen möchte, sollte das Nejjarine-Museum für Holzkunst und Holzhandwerk besuchen.

Das Museum befindet sich in einem historischen Funduq und widmet sich der Holzverarbeitung und den damit verbundenen handwerklichen Traditionen.

Das Gebäude selbst vermittelt außerdem einen Eindruck von der Bedeutung der Funduqs für die Wirtschaft der Medina.

Diese Einrichtungen dienten historisch unter anderem der Unterbringung von Händlern und der Lagerung von Waren.

Chouara und Nejjarine zeigen damit zwei eng miteinander verbundene Seiten von Fès: handwerkliche Produktion und Handel.

Von den Gerbereien zu den Medersen: die Medina von Fès verstehen

Nur wenige Gehminuten von den Souks und Handwerkervierteln entfernt befinden sich einige der wichtigsten religiösen und intellektuellen Monumente der Stadt.

Dazu gehört Al Quaraouiyine, das eine zentrale Rolle in der religiösen und intellektuellen Geschichte von Fès einnimmt.

Rund um dieses bedeutende Zentrum der Gelehrsamkeit entstanden mehrere Medersen.

Die Al-Attarine-Medersa, die zwischen 1323 und 1325 unter dem Merinidensultan Abu Sa'id Uthman II. errichtet wurde, gehört zu den bedeutendsten Beispielen.

In der Nähe zeugt auch die Bou-Inania-Medersa von der intellektuellen und architektonischen Entwicklung von Fès während der Merinidenzeit.

Eine Stadt, in der alles miteinander verbunden war

Auf den ersten Blick scheinen diese Monumente wenig mit den Chouara-Gerbereien gemeinsam zu haben.

Doch sie gehörten zum selben städtischen System.

Die Medersen beherbergten Studenten.

Die Moscheen strukturierten das religiöse Leben.

Die Funduqs unterstützten den Handel.

Die Souks organisierten den Warenaustausch.

Die Werkstätten beherbergten die Handwerker.

Die Gerbereien produzierten Leder.

Genau dieses Zusammenspiel macht Fès el-Bali zu einer außergewöhnlichen historischen Stadt.

Wie kann man die Chouara-Gerbereien besichtigen?

Chouara besitzt eine besondere Struktur.

Die Handwerker arbeiten auf der Ebene der Becken, während Besucher die Gerbereien normalerweise von Terrassen in den umliegenden Gebäuden aus betrachten.

Mehrere Lederwarengeschäfte verfügen über Terrassen mit Blick auf die Becken.

Die Aussichtsterrassen

Von den oberen Etagen lässt sich die Organisation der Gerbereien wesentlich besser erkennen.

Man sieht die verschiedenen Gruppen von Becken, die rund um das Gelände ausgelegten Häute und die Handwerker, die sich zwischen den Arbeitsbereichen bewegen.

Die meisten bekannten Fotografien der Chouara-Gerbereien entstehen von diesen Terrassen aus.

Muss man für den Blick auf Chouara bezahlen?

Für die verschiedenen privaten Aussichtspunkte gibt es kein einheitliches Eintrittssystem wie bei einem klassischen Museum.

Einige Terrassen gehören zu Lederwarengeschäften oder anderen privaten Betrieben.

Die Zugangsbedingungen können daher unterschiedlich sein.

Es empfiehlt sich, vor dem Betreten einer Terrasse klar nach den Bedingungen und möglichen Kosten zu fragen und nicht davon auszugehen, dass ein auf der Straße angebotenes Angebot automatisch kostenlos ist.

Warum bekommen Besucher Minze?

Eine der bekanntesten Besonderheiten von Chouara ist der Geruch.

Er entsteht durch einige der bei der Verarbeitung der Tierhäute eingesetzten Materialien und kann sehr intensiv sein.

Auf manchen Terrassen erhalten Besucher deshalb einige Blätter frische Minze, die sie in die Nähe der Nase halten können.

Die Minze spielt selbstverständlich keine Rolle bei der Lederherstellung.

Sie ist lediglich zu einer kleinen Gewohnheit geworden, die mit dem Besuch der Aussichtsterrassen von Chouara verbunden ist.

Wann sollte man die Chouara-Gerbereien besuchen?

Die Aktivität in den Gerbereien variiert je nach Tag, Jahreszeit und den gerade laufenden Produktionsarbeiten.

Es lässt sich daher nicht garantieren, dass bei jedem Besuch sämtliche Becken mit intensiven Farben gefüllt sind.

Besuch bei Tageslicht

Bei Tageslicht lassen sich die arbeitenden Handwerker und die unterschiedlichen Farbtöne der Becken normalerweise besser beobachten.

Natürliches Licht erleichtert außerdem das Verständnis der gesamten Anlage.

Zeit für das Viertel einplanen

Chouara sollte nicht als völlig isolierte Touristenattraktion betrachtet werden.

Auch das umliegende Viertel gehört zum Erlebnis.

Beim Spaziergang durch die Gassen lässt sich nachvollziehen, wie das Leder von den Gerbereien zu den Werkstätten und Verkaufsräumen gelangt.

Respekt gegenüber den Handwerkern

Die Chouara-Gerbereien gehören heute zu den meistfotografierten Orten von Fès.

Dabei sollte jedoch etwas Wesentliches nicht vergessen werden:

Die Menschen zwischen den Becken sind bei der Arbeit.

Chouara ist keine für Besucher geschaffene Kulisse.

Es handelt sich um einen echten Produktionsort.

Die Arbeit von den Terrassen aus zu beobachten, bietet eine außergewöhnliche Möglichkeit, traditionelles Handwerk kennenzulernen. Der Besuch sollte jedoch immer mit Respekt gegenüber den Handwerkern und ihrem Arbeitsumfeld erfolgen.

Was kann man in der Nähe der Chouara-Gerbereien besichtigen?

Dank der Lage im Herzen von Fès el-Bali lässt sich ein Besuch in Chouara gut mit mehreren historischen Monumenten verbinden.

Al Quaraouiyine

Al Quaraouiyine gehört zu den bedeutendsten historischen religiösen und intellektuellen Zentren von Fès.

Seine Geschichte hilft zu verstehen, warum die Stadt über Jahrhunderte Studenten, Gelehrte und Reisende anzog.

Al-Attarine-Medersa

In der Nähe von Al Quaraouiyine befindet sich die Al-Attarine-Medersa, eines der großen Meisterwerke der merinidischen Architektur von Fès.

Zellige, fein gearbeiteter Stuck und dekoriertes Holz zeigen eine weitere Seite der außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten der Stadt.

Bou-Inania-Medersa

Die Bou-Inania-Medersa bietet eine weitere Möglichkeit, die merinidische Architektur und die Geschichte der Bildung in Fès kennenzulernen.

Nejjarine-Museum

Das Nejjarine-Museum für Holzkunst und Holzhandwerk ergänzt einen Besuch in Chouara besonders gut.

Nach der Lederverarbeitung in den Gerbereien lässt sich hier die Bedeutung des Holzes für das marokkanische Handwerk und die traditionelle Architektur entdecken.

Von Fès nach Meknès: das marokkanische Kulturerbe weiter entdecken

Ein Aufenthalt in Fès lässt sich hervorragend mit einem Besuch in Meknès, einer weiteren historischen Königsstadt Marokkos, verbinden.

Während Fès Einblicke in die Idrisiden- und Merinidenzeit, historische Bildungszentren und traditionelle Handwerksberufe bietet, ist Meknès eng mit Sultan Moulay Ismail und seinem ambitionierten Projekt einer imperialen Hauptstadt verbunden.

Auch Meknès besitzt eine eigene Bou-Inania-Medersa, die nicht mit dem gleichnamigen Monument in Fès verwechselt werden sollte.

Eine Kombination aus Fès und Meknès ermöglicht es daher, mehrere wichtige Epochen der marokkanischen Geschichte zu entdecken.

Chouara: lebendiges Kulturerbe

Die Chouara-Gerbereien sind weder ein Palast noch ein Museum.

Genau das macht sie so besonders.

Hier lässt sich ein Handwerk beobachten, das über Jahrhunderte zur Wirtschaft und Identität von Fès beigetragen hat.

Die Becken, die Tierhäute, die Bewegungen der Handwerker und die umliegenden Werkstätten erzählen eine andere Geschichte als die großen Monumente der Stadt.

Nur wenige Straßen von Al Quaraouiyine, der Al-Attarine-Medersa, Bou Inania und dem Nejjarine-Museum entfernt erinnert Chouara daran, dass das Kulturerbe von Fès nicht auf historische Gebäude beschränkt ist.

Es lebt auch in den Berufen, Handgriffen und Kenntnissen weiter, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Ein Besuch der Chouara-Gerbereien bedeutet, einen lebendigen Teil des Kulturerbes von Fès zu entdecken.